Donnerstag, 17. Dezember 2009

Widerstand der Geburtsabteilung

In Schwarz ans Weihnachtsessen

Kilchberg - Viele Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen im Spital Sanitas reagieren mit Unverständnis auf die geplante Schliessung ihrer Geburtsabteilung. «Es ist ein Schock und ein Stich ins Herz zugleich», schreibt Kinderkrankenschwester Christa Weber auf Facebook. Auf der Internet-Plattform hat sie am letzten Wochenende die Gruppe Rettet die Geburtsabteilung im Sanitas!!! eingerichtet, die bis gestern Nachmittag 371 Mitglieder zählte - darunter auch viele Mütter, die von ihren guten Erfahrungen berichten. «Ich bin sehr traurig über diesen Fehlentscheid», schreibt eine. «Ich würde nie aber auch gar nie nach Horgen gehen», eine andere.

Am Weihnachtsessen der Geburtsabteilung trugen sämtliche Krankenschwestern und Hebammen schwarze Kleider sowie einen schwarzen Schleier. Weitere Aktionen sind laut Weber geplant. (led)

Samstag, 12. Dezember 2009

Samstag, 12. Dezember 2009
Geburtentransfer löst Streit aus
Spitalfusion Unverständnis in Kilchberg über geplante Verlegung der Geburtenabteilung nach Horgen
Der Gemeinderat Kilchberg opponiert gegen die geplante Konzentration der Geburtshilfe im Spital Zimmerberg.
Katharina Weber

Dass die traditionsreiche Gebärabteilung des Spitals Sanitas mit der Spitalfusion nach Horgen ins Spital Zimmerberg verlegt werden soll, stösst dem Kilchberger Gemeinderat sauer auf. (Archiv)

«Eine Spitalfusion ja - aber so nicht.» Der Kilchberger Gemeindepräsident Hans-Ulrich Forrer gebraucht deutliche Worte, um den am Donnerstag publik gemachten Entscheid zu kommentieren, dass die Geburtenabteilung der dereinst fusionierten Spitäler Zimmerberg und Sanitas ab 2011 in Horgen konzentriert werden soll. «Dies ist eine Kehrtwendung um 180 Grad - als die Fusion beschlossen wurde, hiess es, die Stärken der beiden Spitäler sollten weiterentwickelt werden. Und die Stärke des Sanitas ist die Geburtenabteilung», sagt Forrer. Der Kilchberger Gemeinderat habe sein Befremden in einem Schreiben an die Verantwortlichen kundgetan: «Wir fürchten, dass dieser Prozess längerfristig auf eine Schliessung des Sanitas in Raten hinausläuft.»

Forrer vertritt die Gemeinde Kilchberg im Stiftungsrat des Sanitas. Dieser delegierte den Entscheid über die künftigen Schwerpunkte der beiden fusionswilligen Spitäler jedoch an einen vierköpfigen Steuerungsausschuss, bestehend aus den Stiftungsratspräsidenten Albert Gnägi (Sanitas) und Walter Bosshard (Zimmerberg) sowie den Stiftungsratsmitgliedern Werner Widmer (Zimmerberg) und Heinz Spälti (Sanitas), der auch Adliswiler Gesundheitsvorstand ist. Gnägi beteuert, der Entscheid sei dem Ausschuss «unglaublich schwer gefallen. Die Geburtenklinik ist der Ursprung und das Herz des Sanitas.» Er rechtfertigt jedoch die finanzielle Notwendigkeit einer einzigen Geburtenklinik mit Blick auf die Spitalliste 2012. Durch die Verlegung nach Horgen sollen 1,5 Mio. Franken gespart werden, bei Einsparungen von insgesamt 10 bis 12 Mio. Franken. «Nur so können wir sicherstellen, dass beide Spitäler überleben», sagt Gnägi und verweist darauf, dass das Sanitas seiner hohen Fallkosten wegen weit oben auf der Liste gefährdeter Spitäler stehe.

Fusion gefährdet?

Das letzte Wort zur Spitalfusion haben 2010 die Legislativen der Trägergemeinden. Forrer schliesst nicht aus, dass der Kilchberger Gemeinderat der Gemeindeversammlung den Antrag stellen könnte, die Fusion abzulehnen: «Wenn wir jetzt entscheiden müssten, würde ich als Präsident ein Nein empfehlen.» Vorerst suche der Gemeinderat jedoch das Gespräch mit dem Steuerungsausschuss: «Wir hoffen, dass der Entscheid nochmals überdacht wird, oder dass wir Argumente hören, die politisch nachvollziehbar sind.»

Walter Bosshard, der auch Gemeindepräsident von Horgen ist, kann die Bedenken aus Kilchberg grundsätzlich nachvollziehen. «Wir müssen jedoch eine Lösung finden, die eine konkurrenzfähige Spitalversorgung in der Region langfristig sichert - und hierfür ist eine Konzentration der Leistungen unumgänglich.» Dass damit dereinst eine Schliessung des Sanitas drohe, bestreitet Bosshard vehement. Die im Sanitas vorgesehenen Disziplinen wie Orthopädie und Urologie wiesen ein stetes Wachstum auf und könnten von der Nähe zur Stadt Zürich profitieren.

Dass die Fusion am Streit um die Geburtsklinik scheitern könnte, fürchtet Bosshard nicht. «Ich bin überzeugt, dass wir diesen Entscheid für die Gemeinden und Stimmbürger nachvollziehbar machen können.»

Stimme aus der Geburtsabteilung

«Wir waren schockiert»

Zehn Jahre lang hat Kinderkrankenschwester Christa Weber auf der Wochenbettstation des Spital Sanitas gearbeitet. Mit der Fusion mit dem Spital Zimmerberg verliert das Sanitas nun seine Geburtsabteilung und Christa Weber ihre Station. «Als wir am Mittwoch von der Spitalleitung informiert wurden, waren wir schockiert und traurig gleichzeitig», sagt Weber. Der Zeitpunkt «so kurz vor Weihnachten» kritisiert sie als ungünstig. Zurzeit befindet sich Weber im Mutterschaftsurlaub. Sie würde danach gern in einem kleinen Pensum weiterarbeiten. Doch Weber macht sich keine Illusionen: «In Horgen werden die Wöchnerinnen ausschliesslich von Hebammen und nicht von Krankenschwestern betreut.»

Freitag, 11. Dezember 2009

Sanitas-Spital verliert überraschend seine Geburtsabteilung

Nach der Fusion der Spitäler am linken Seeufer sollen Kinder künftig nur noch im Zimmerbergspital auf die Welt kommen. Im Sanitas wird der Entscheid kritisiert.

Horgen/Kilchberg - Die Geburtsabteilung der fusionierten Spitäler Zimmerberg in Horgen und Sanitas in Kilchberg kommt nach Horgen. In Kilchberg gibt es ab 2011 keine Geburten mehr. Das teilten die Verantwortlichen der beiden Spitäler gestern an einer Medienkonferenz mit.

Der Entscheid stellt auf den Kopf, was bisher mit der Spitalfusion geplant war. Vor ein paar Monaten war kommuniziert worden, die Geburtsabteilung werde im Sanitas in Kilchberg konzentriert. Momentan kommen in Horgen pro Jahr rund 400 Kinder zur Welt. Im Sanitas in Kilchberg sind es 600.

Die Verantwortlichen begründeten die Kehrtwende mit ökonomischen Argumenten. Eine Geburtsabteilung bedinge, dass im Notfall innerhalb von 15 Minuten operiert werden könne. Um das zu gewährleisten, müsse das notwendige Personal im Spital anwesend sein. Im Zimmerbergspital, wo die Intensivstation und ein 24-Stunden-Notfallbetrieb unterhalten werden, braucht es dieses Personal ohnehin.

Es sei aber schlicht zu teuer, diesen Aufwand an beiden Standorten zu betreiben. Mit einer statt zwei Geburtsabteilungen spare man rund 1,5 Millionen Franken pro Jahr ein, sagt Markus Gautschi, Spitaldirektor des Zimmerbergspitals. Gautschi geht davon aus, dass nicht alle Frauen, die bisher im Sanitas geboren haben, für die Geburt automatisch nach Horgen kämen. Rund die Hälfte der Geburten im Sanitas werde man wohl nach Zürich verlieren.

Sanitas-Ärzte sind konsterniert

Die Belegschaft im Spital Sanitas hat die Hiobsbotschaft am Mittwoch erhalten. «Wir waren völlig konsterniert», sagt Bruno Studer, Leitender Arzt der Geburtshilfe und Gynäkologie im Sanitas. Im Frühling habe man noch unter völlig anderen Voraussetzungen über eine Fusion der beiden Spitäler diskutiert. Einer solchen Fusion stehe er grundsätzlich positiv gegenüber. «Der Entscheid, die Geburtsabteilung in Horgen zu konzentrieren, ist mehr als fragwürdig», sagt Studer.

Für das Sanitas und die Patientinnen sei das ein trauriger Entscheid. Das Sanitas sei eine der beliebtesten Geburtskliniken für Patientinnen aus der Stadt Zürich und umliegenden Gemeinden. Die Anzahl der Geburten sei in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen.

Zudem habe das Sanitas erst kürzlich in den Gebärsaal und die Wochenbettabteilung investiert. Die Infrastruktur für 900 Geburten pro Jahr wäre vorhanden. «Es handelt sich um einen politischen Entscheid mit dem Ziel, den Standort Horgen zu stärken», sagt Studer. Mit den ökonomischen Faktoren allein lasse sich der Entscheid nicht begründen. «Die Belegschaft im Sanitas fühlt sich etwas verschaukelt», sagt Studer. Bis zu 20 Personen könnten ihre Stelle verlieren.

«Mit der Geburtshilfe schliesst man nicht irgendeine Abteilung», sagt Studer. Eine qualitativ hochstehende Geburtsabteilung sei beste Werbung für ein Spital. Mit dieser Abteilung seien positive Gedanken verknüpft, weil sich der Alltag nicht um Krankheiten und Komplikationen drehe. Zufriedene Gebärende würden neue Patienten für andere Abteilungen ins Spital bringen.

Flächenbrand droht

Profitieren werden laut Studer die Zürcher Privatspitäler, allen voran die Klinik im Park in Wollishofen. Patientinnen und Ärzte würden Privatspitäler gegenüber dem Spital Zimmerberg bevorzugen. Nach der Schliessung der Geburtsabteilung könnte laut Studer auch anderen Disziplinen im Sanitas das Aus drohen, beispielsweise der Kinderchirurgie oder der Gynäkologie. «Für das Sanitas könnte sich ein kleines Feuerchen so zu einem Flächenbrand ausweiten», sagt Studer.

Ob das fusionierte Spital so die angepeilte Patientenzahl erreiche, sei fraglich. Der Entscheid, die Geburtsabteilung im Sanitas aufzuheben, lasse sich aber wohl nur noch umstossen, wenn die ganze Spitalfusion scheitere. Patrick Gut