Sanitas-Spital verliert überraschend seine Geburtsabteilung
Nach der Fusion der Spitäler am linken Seeufer sollen Kinder künftig nur noch im Zimmerbergspital auf die Welt kommen. Im Sanitas wird der Entscheid kritisiert.
Horgen/Kilchberg - Die Geburtsabteilung der fusionierten Spitäler Zimmerberg in Horgen und Sanitas in Kilchberg kommt nach Horgen. In Kilchberg gibt es ab 2011 keine Geburten mehr. Das teilten die Verantwortlichen der beiden Spitäler gestern an einer Medienkonferenz mit.
Der Entscheid stellt auf den Kopf, was bisher mit der Spitalfusion geplant war. Vor ein paar Monaten war kommuniziert worden, die Geburtsabteilung werde im Sanitas in Kilchberg konzentriert. Momentan kommen in Horgen pro Jahr rund 400 Kinder zur Welt. Im Sanitas in Kilchberg sind es 600.
Die Verantwortlichen begründeten die Kehrtwende mit ökonomischen Argumenten. Eine Geburtsabteilung bedinge, dass im Notfall innerhalb von 15 Minuten operiert werden könne. Um das zu gewährleisten, müsse das notwendige Personal im Spital anwesend sein. Im Zimmerbergspital, wo die Intensivstation und ein 24-Stunden-Notfallbetrieb unterhalten werden, braucht es dieses Personal ohnehin.
Es sei aber schlicht zu teuer, diesen Aufwand an beiden Standorten zu betreiben. Mit einer statt zwei Geburtsabteilungen spare man rund 1,5 Millionen Franken pro Jahr ein, sagt Markus Gautschi, Spitaldirektor des Zimmerbergspitals. Gautschi geht davon aus, dass nicht alle Frauen, die bisher im Sanitas geboren haben, für die Geburt automatisch nach Horgen kämen. Rund die Hälfte der Geburten im Sanitas werde man wohl nach Zürich verlieren.
Sanitas-Ärzte sind konsterniert
Die Belegschaft im Spital Sanitas hat die Hiobsbotschaft am Mittwoch erhalten. «Wir waren völlig konsterniert», sagt Bruno Studer, Leitender Arzt der Geburtshilfe und Gynäkologie im Sanitas. Im Frühling habe man noch unter völlig anderen Voraussetzungen über eine Fusion der beiden Spitäler diskutiert. Einer solchen Fusion stehe er grundsätzlich positiv gegenüber. «Der Entscheid, die Geburtsabteilung in Horgen zu konzentrieren, ist mehr als fragwürdig», sagt Studer.
Für das Sanitas und die Patientinnen sei das ein trauriger Entscheid. Das Sanitas sei eine der beliebtesten Geburtskliniken für Patientinnen aus der Stadt Zürich und umliegenden Gemeinden. Die Anzahl der Geburten sei in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen.
Zudem habe das Sanitas erst kürzlich in den Gebärsaal und die Wochenbettabteilung investiert. Die Infrastruktur für 900 Geburten pro Jahr wäre vorhanden. «Es handelt sich um einen politischen Entscheid mit dem Ziel, den Standort Horgen zu stärken», sagt Studer. Mit den ökonomischen Faktoren allein lasse sich der Entscheid nicht begründen. «Die Belegschaft im Sanitas fühlt sich etwas verschaukelt», sagt Studer. Bis zu 20 Personen könnten ihre Stelle verlieren.
«Mit der Geburtshilfe schliesst man nicht irgendeine Abteilung», sagt Studer. Eine qualitativ hochstehende Geburtsabteilung sei beste Werbung für ein Spital. Mit dieser Abteilung seien positive Gedanken verknüpft, weil sich der Alltag nicht um Krankheiten und Komplikationen drehe. Zufriedene Gebärende würden neue Patienten für andere Abteilungen ins Spital bringen.
Flächenbrand droht
Profitieren werden laut Studer die Zürcher Privatspitäler, allen voran die Klinik im Park in Wollishofen. Patientinnen und Ärzte würden Privatspitäler gegenüber dem Spital Zimmerberg bevorzugen. Nach der Schliessung der Geburtsabteilung könnte laut Studer auch anderen Disziplinen im Sanitas das Aus drohen, beispielsweise der Kinderchirurgie oder der Gynäkologie. «Für das Sanitas könnte sich ein kleines Feuerchen so zu einem Flächenbrand ausweiten», sagt Studer.
Ob das fusionierte Spital so die angepeilte Patientenzahl erreiche, sei fraglich. Der Entscheid, die Geburtsabteilung im Sanitas aufzuheben, lasse sich aber wohl nur noch umstossen, wenn die ganze Spitalfusion scheitere. Patrick Gut