Dienstag, 19. Januar 2010

«Ohne Fusion geht das Sanitas pleite»

Von Mit Hans-Jakob Riedtmann sprach Patrick Gut. Aktualisiert am 19.01.2010

Der Horgner Chirurg Joggi Riedtmann hat Erfahrung mit Spitalfusionen. Vor einigen Jahren hat er die Fusion der Spitäler Horgen und Wädenswil massgeblich geprägt. Auch die Fusion der Spitäler Zimmerberg und Sanitas ist in seinen Augen notwendig. Laut Riedtmann wird sie aber falsch angepackt.

Sie waren als Chefarzt der chirurgischen Klinik Horgen eine der leitenden Figuren bei der Spitalfusion Wädenswil-Horgen. Was halten Sie von der aktuellen Fusion des Sanitas mit dem Spital Zimmerberg?

Die jetzige Fusion ist keine echte Fusion. Die beiden Häuser bleiben erhalten. Sie liegen zu weit auseinander, als dass man sie zusammenlegen könnte. Das wäre nur mit einem Spital auf der grünen Wiese möglich. Es werden also nicht zwei unterschiedliche Angebote an einem Standort zusammengelegt, sondern man bildet eine Verwaltungseinheit mit zwei Häusern. Bei der Fusion der Spitäler Wädenswil und Horgen haben zudem zwei gleichwertige Partner fusioniert.

Das ist jetzt also nicht der Fall?

Das Sanitas steckt in einer finanziellen Klemme. Seit 2002, seit die Spitäler via Fallkosten entschädigt werden, hat es keine schwarzen Zahlen mehr geschrieben. Nach Aussage des Stiftungsratspräsidenten wird das Stiftungskapital bald aufgebraucht sein. Das Sanitas könnte so noch ein bis zwei Jahre weiterkutschieren. Dann müsste es aber seine Bilanz deponieren. Das Sanitas braucht zwingend einen Partner, der ihm aus der Bredouille hilft. Die Fallkosten müssen sinken.

Das Sanitas ist also der Juniorpartner in dieser Spitalfusion?

Ganz genau. Die Fallkosten sind aber auch im Spital Zimmerberg noch zu hoch. Zudem hat das Spital Zimmerberg ein Platzproblem. Das kann es mit der Fusion lösen.

Durch die Fusion soll das Sanitas seine Geburtshilfe verlieren. Ein Entscheid, der für Aufruhr sorgt.

Es gibt keinen medizinischen Grund für die Konzentration der Geburtshilfe in Horgen. Da geht es einzig um die Finanzen. Die Geburtshilfe im Sanitas würde 700 000 Franken zusätzliche Kosten pro Jahr verursachen.

War der Entscheid also richtig?

Es ist ein Entscheid, der das Sanitas im Herzen trifft. Das Sanitas war ursprünglich eine reine Geburtshilfeklinik. Man kann die Geburtshilfe nicht nach Horgen verschieben, ohne die Leute im Sanitas vom Sinn dieser Massnahme zu überzeugen.

Also ist es eine Frage der Kommunikation?

Die Stiftungsräte haben entschieden, ohne Politik, Ärzteschaft oder Pflege vorher abzuholen. Das war zumindest wenig sensibel.

Und die Verlegung der Geburtshilfe selbst?

Aus regionalpolitischer Sicht würde man es besser umdrehen. Wenn ich die Geburtshilfe an einem Ort konzentriere, muss ich das in der Nähe von Zürich tun. Würde die Geburtshilfe in Horgen wegfallen, müssten sich die Frauen so oder so in Richtung Zürich orientieren. Dann liegt das Sanitas in Kilchberg immer noch näher als ein Spital in Zürich. Fällt hingegen die Geburtsabteilung im Sanitas weg, kommen die Frauen aus Zürich bestimmt nicht nach Horgen zum Gebären.

Und wie lösen Sie das Kostenproblem?

Das Ziel müsste sein, im Sanitas eine starke Geburtshilfeabteilung mit 1200 Geburten jährlich aufzubauen, also 200 zusätzliche Geburten zu erreichen. Dann wären die 700 000 Franken Mehrkosten locker finanziert.

Wie es jetzt aussieht, verzichtet die Spitalleitung lieber auf 300 Geburten pro Jahr.

Der Verzicht auf 300 Geburten pro Jahr ist für mich unverständlich. Das macht nur Sinn, wenn mich eine Geburt mehr kostet, als ich dafür erhalte. Die Fixkosten bleiben dieselben, ob ich nun 700 oder 1000 Geburten pro Jahr durchführe. Wer die Kosten senken will, braucht höhere Fallzahlen.

Gibt es im Sanitas und im Spital Zimmerberg unterschiedliche Unternehmenskulturen, welche die Fusion schwierig machen?

Der wichtigste Unterschied liegt in der Organisation. Das Spital Zimmerberg ist ein Chefarztspital mit einigen wenigen Belegärzten, das Sanitas funktioniert ausschliesslich mit Belegärzten, also selbstständigen Unternehmern.

Wie wirkt sich das aus?

Die Belegärzte im Spital Zimmerberg werden von Assistenzärzten unterstützt. Im Sanitas hingegen assistieren sich Belegärzte meistens gegenseitig. Das Sanitas hat keine operative Ausbildungsfunktion. Damit ist der Operationsbetrieb zwar effizienter, aber teurer. Und die Pflege hat im Sanitas dadurch eine viel höhere Kompetenz. Sie übernimmt quasi die Funktion der Assistenzärzte im Spital Zimmerberg.

Beide Spitäler sind zu teuer. Wie können sie das ändern?

Grundsätzlich können die Betreiber die Ausgaben- und die Einnahmenseite beeinflussen. Bei den Ausgaben sehe ich auf der medizinischen Seite wenig Spielraum. Bei den Einnahmen ist eher etwas zu machen.

Konkret?

Im Sanitas gibt es Kollegen, die 90 Geburten pro Jahr begleiten, wobei es sich ausschliesslich um allgemein versicherte Patientinnen handelt. Sämtliche halb privat oder privat versicherten Patientinnen betreuen sie an einer der Privatkliniken in Zürich.

Weshalb macht das Sinn?

Die Ärzte müssen in Zürich weniger Geld ans Spital abliefern.

Was muss das Spital unternehmen?

Das Spital muss mit den Belegärzten aushandeln, dass diese auch einen gewissen Prozentsatz zusatzversicherte Patientinnen bringen. Andernfalls dürfen sie mit den allgemein Versicherten ebenfalls nicht kommen.

Dann wandern die Belegärzte ganz einfach nach Zürich ab.

So einfach ist das nicht. Die Privatspitäler können ihnen nämlich nicht garantieren, dass sie ihre allgemein versicherten Patientinnen unterbringen. Es gäbe also keinen Massenexodus, und das Fallkostenproblem wäre gelöst.

Weshalb nimmt das Sanitas seine Belegärzte nicht im Alleingang an die Kandare?

Das würde deshalb nicht funktionieren, weil eben doch der eine oder andere Arzt abwandern könnte. Dadurch würden die Fallzahlen im Sanitas sinken. Die Fixkosten aber würden unverändert hoch bleiben. Das wäre in einem kleinen Spital wie dem Sanitas ein Schuss ins eigene Bein.

Nur das fusionierte Spital könnte also die Belegärzte in die Pflicht nehmen?

Ja.

Sie haben bereits die mangelnde Kommunikation angesprochen.

Bei den Belegärzten im Sanitas hat sich die Einsicht noch nicht durchgesetzt, dass nicht alles bleiben kann, wie es ist. Ohne Fusion geht das Sanitas pleite. Das wurde am Informationsabend nicht genug deutlich gesagt. Im Moment läuft die Fusion auf der Ebene der Spitaldirektionen ab. Da holt man die Mitarbeitenden nicht ab. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen aber hinter der Fusion stehen und sich dafür engagieren. Im Moment vermisse ich starke Figuren aus der Ärzteschaft, die sich für die Fusion einsetzen.

Welches könnten denn die integrierenden Figuren sein?

Zuständig für den gesamten belegärztlichen Bereich beider Spitäler wird die Chefärztin der Röntgenabteilung sein - die Begleitung einer Spitalfusion braucht aber einen Kliniker, um glaubhaft anzukommen. Und da sehe ich in Horgen bei den Chefärzten niemanden, der das im Moment übernehmen könnte oder wollte. Damit bleibt es eine Verwaltungsfusion.

Gibt es einen Ausweg?

So, wie die Sache heute aufgegleist worden ist, sehe ich keinen. Die Stiftungsräte der beiden Spitäler müssten dafür nochmals über die Bücher.

War die damalige Fusion der Spitäler Wädenswil und Horgen ein Erfolg?

Aus heutiger Sicht würde ich das bejahen.

Was war die besondere Herausforderung?

Alle operativen Disziplinen plus der Notfall waren in Horgen stationiert. Die innere Medizin und die Intensivstation befanden sich in Wädenswil. Wir konnten zwar zwei unterschiedliche Angebote an einem Standort konzentrieren, mussten aber auch zwei völlig unterschiedliche Kulturen zusammenbringen.

Wie meinen Sie das?

Der Chirurg interessiert sich in erster Linie für das Resultat. Ein gebrochener Knochen muss wieder zusammengefügt werden. Der Internist hingegen will wissen, weshalb sein Patient beispielsweise an Bluthochdruck leidet. Das kann seine Zeit dauern.

Inwiefern führt das zu Konflikten?

Die Internisten haben den Eindruck, der Chirurg interessiere sich nicht für die Ursachen. Die Chirurgen wiederum sagen, der Internist habe den Patienten eine Woche abgeklärt, und dieser sei immer noch kein bisschen gesünder.

Welche Probleme gab es für die Pflege?

Die Fusion Horgen-Wädenswil verlangte eine Umstellung von den Pflegenden. Eine Schwester auf der inneren Medizin war nun plötzlich mit einem Blinddarmpatienten - mit einer chirurgischen Wunde im Bauch - konfrontiert. Ausserdem war schon bald klar, dass der Standort in Wädenswil aufgegeben würde.

Das sorgte für Probleme.

Wir mussten den Wädenswilerinnen und Wädenswilern klarmachen, dass sie ihr Spital auch ohne Fusion verlieren würden und dass sie in Horgen ein vollwertiges Spital erhalten. Letztlich haben mehr als 80 Prozent der Stimmenden der Fusion zugestimmt.

Wie geht es jetzt weiter bei der aktuellen Spitalfusion?

Jetzt kommt dann die Phase, in der die Exekutiven der Trägergemeinden von der Fusion überzeugt werden müssen. Und bei der jetzigen Situation sind die Trümpfe einseitig verteilt. Es kann doch einfach nicht sein, dass Kilchberg nicht mitmachen würde. Das ganze Projekt wäre gefährdet, wenn die unteren Seegemeinden gegen die Fusion wären. Das ist der zweite Teil in einer Serie, die verschiedene Aspekte rund um die Spitalfusion - Spital Zimmerberg, Spital Sanitas - beleuchtet. Der Auftakt erschien am 13. Januar und befasste sich mit der Geschichte der Spitäler im Bezirk Horgen. Riedtmann: «Bei einer Fusion muss man die Mitarbeiter an Bord holen.» Foto: Silvia Luckner

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